Pressemeldung vom: 18.01.2019 - 06:01 Uhr

Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien 10. - 16. Februar 2019
 
 
„Ich glaubte, ich wäre schuld an der Sucht meiner Eltern.“
Kinder aus Suchtfamilien tragen eine Bürde aus Schuld und Scham. Doch es gibt Hoffnung für sie.
 
„Sie haben sich gestritten, Sachen sind durch die Gegend geflogen, es war laut. Das ging meist bis spät in die Nacht hinein, sodass ich kaum schlafen konnte.“ Marina spricht ruhig, fast ausdruckslos, wenn sie über ihre Kindheit berichtet. Ihre Eltern sind alkoholkrank – beide. Die Sechzehnjährige versucht, jegliche Emotion hinter einer Maske von Coolness zu verstecken. Doch als sie weiterspricht, hört man die Trauer in ihrer Stimme. „Manchmal haben sie mich für irgendwas angegriffen, für was ich gar nicht verantwortlich war. Mit der Zeit habe ich mich in mir selber verkrochen und war immer sehr ruhig. Und immer hatte ich das Gefühl, dass ich daran schuld bin, dass meine Eltern trinken.“
 
Berichte, wie der von Marina, sind typisch für Kinder suchtkranker Eltern. Sie wachsen in einer spannungsgeladenen Atmosphäre auf und leben in ständiger Unsicherheit, was ihre betrunkenen Eltern im nächsten Moment tun werden.
 
Die schlimmsten Verletzungen fügen Drogen Menschen zu, die selbst keine Drogen nehmen: Es sind die Kinder von Alkoholkranken oder anderen Süchtigen.
 
  • Es gibt in Deutschland 2,6 Millionen Kinder, die mit suchtkranken Eltern aufwachsen. Durchschnittlich jedes sechste Kind ist betroffen.
  • Diese Kinder sind die größte bekannte Risikogruppe für eine Suchterkrankung im Erwachsenenalter.
  • Sie entwickeln häufig psychische oder soziale Störungen und tragen eine Reihe weiterer gravierender Gesundheitsrisiken.
  • Sie verursachen um 32% höhere Gesundheitskosten als Kinder aus nichtsüchtigen Familien.
  • Sie haben häufiger Schulschwierigkeiten, neigen zu Schuldistanz oder brechen die Schule ab.
 
Noch immer fallen diese Mädchen und Jungen sehr häufig durch die Maschen bestehender Hilfesysteme hindurch. Vielfach gibt es für sie keine oder nur unzureichende Hilfeangebote. In vielen Einrichtungen unterbleibt häufig Hilfe für diese Kinder, weil die dortigen Mitarbeiter/innen unsicher im Umgang mit Suchtproblemen sind. Das Landratsamt des Kyffhäuserkreises unterstützt gemeinsam mit zahlreichen Partnern die diesjährige Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien und bittet Sie alle:
 
          Bringen Sie die Thematik der Kinder aus suchtbelasteten Familien in Ihrem Umfeld zur           Sprache!
  • Fordern Sie Entscheidungsträger auf, sich ihrerseits über Kinder suchtkranker Eltern zu informieren. Empfehlen Sie die Internet-Ressourcen weiter!
  • Stellen Sie Überlegungen an, wie diese Kinder unterstützt werden können!
  • Beziehen Sie Verantwortliche für Schulen, Kindertagesstätten, Freizeiteinrichtungen usw. in Ihre Überlegungen mit ein!
  • Informieren Sie sich über bestehende Angebote in anderen Kommunen/Landkreisen, z. B. auf www.nacoa.de →  Hilfeangebote → Professionelle Hilfeangebote!
 
Kinder brauchen den Zuspruch, dass ihre Eltern keine schlechten Menschen sind. Sie müssen verstehen, dass sie als Kinder den Eltern nicht helfen können und dass es nicht ihre Aufgabe ist, die Sucht zu heilen. Schließlich müssen sie ermutigt werden, dass sie trotz der Suchtkrankheit im Elternhaus das Recht haben, Kind zu sein, zu spielen, die Welt zu entdecken, Freundschaften zu entwickeln und die eigenen Fähigkeiten zu erproben. Diese Informationen entlasten Kinder, helfen ihnen, Schuld- und Schamgefühle zu überwinden und stärken ihr Selbstwertgefühl. Wenn ihnen erklärt wird, was Sucht ist, hilft dies, Angst abzubauen, weil sie das Verhalten der Eltern dann einordnen können.
 
Lange Zeit erhielten Kinder aus Suchtfamilien in Deutschland wenig Aufmerksamkeit und fielen allzu oft durch die Maschen bestehender Hilfesysteme hindurch. Dies beginnt sich langsam zu ändern. Im Rahmen der Diskussion über die Verbesserung des Kinderschutzes wuchs in den letzten Jahren auch das Bewusstsein, dass in vielen Fällen von Kindesmisshandlung oder Kindesvernachlässigung Suchtprobleme der Eltern die Ursache waren.
 
Eine gute Nachricht ist: Kinder suchtkranker Eltern haben Chancen auf eine gesunde Entwicklung, wenn sie die richtige Art von Unterstützung erhalten. Sie brauchen außerhalb ihrer Familien sichere Orte, an denen sie von fürsorglichen Erwachsenen Unterstützung erhalten. Bitte, helfen Sie mit, dass Kinder und Jugendliche im Kyffhäuserkreis solche Orte finden, damit die Kinder von heute nicht die Süchtigen und psychisch Kranken von morgen werden.
 
Im Rahmen der Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien finden im Kyffhäuserkreis folgende Veranstaltungen statt:
 
Das Internationaler Bildungs- und Sozialwerk e.V. (IBSW) veranstaltet am 19.02.2019 ab 14:45 Uhr im „Haus am Kyffhäuser“ (Kyffhäuserstr. 46 in Bad Frankenhausen) in Kooperation mit dem Präventionszentrum der Suchthilfe Thüringen gGmbH, dem Jugendhilfe- und Förderverein e.V. Bad Frankenhausen und dem Jugend- und Sozialamt des Kyffhäuserkreises eine Fortbildungsveranstaltung zu diesem Thema. Mit Kindern des Alters von 8 bis 14 Jahren wird das Thema „Genuss und Sucht“ mittels praktischer Angebote methodisch umgesetzt. Interessierte Kinder bzw. deren Eltern können sich bei Frau Koch im Domizil Bad Frankenhausen anmelden.
 
Am 20.02.2019 werden ab 18:00 Uhr in der Kyffhäuserland-Grundschule (Schulstr. 3 in Rottleben) die Gemeinde Kyffhäuserland und das Jugend- und Sozialamt des Kyffhäuserkreises eine Info-Veranstaltung durchführen. Diese Präventionsveranstaltung handelt von Tabak-, Alkohol- und Mediensucht und richtet sich sowohl an Kinder und Jugendliche als auch an deren Eltern bzw. Lehrer. Sie gibt einen Einblick in die derzeitigen Gesetzmäßigkeiten, einen Überblick zu aktuellen Situationen im Landkreis, anschauliche Mitmach-Aktionen sowie Gesprächs- und Diskussionsmöglichkeiten. Hierzu sind alle Interessierten recht herzlich eingeladen.
 
Informationen zum Thema gibt es im Internet unter:
www.coa-aktionswoche.de
www.nacoa.de
www.traudich.nacoa.de
www.kidkit.de

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