Pressemeldung vom: 11.06.2019 - 09:06 Uhr

Kali-Wissen aus Thüringen verhilft Australien zu eigener Düngemittel-Produktion

Das Auftragsvolumen für die Anlage im australischen „Outback“ beträgt 28 Millionen Euro. Der Standort im Niemandsland ist eine Herausforderung für die Thüringer Kaliforscher aus Sondershausen.

04. Juni 2019 / 05:33 Uhr

Hier ein Blick auf die mehrere Sportfelder große Demo-Anlage im australischen „Outback“. Die eigentliche Anlage wird nun an gleicher Stelle, aber in einer Flächenausdehnung 20- bis 50-mal so groß, realisiert. Foto: Kalium Lakes Hier ein Blick auf die mehrere Sportfelder große Demo-Anlage im australischen „Outback“. Die eigentliche Anlage wird nun an gleicher Stelle, aber in einer Flächenausdehnung 20- bis 50-mal so groß, realisiert. Foto: Kalium Lakes
Perth/Sondershausen/Eiterfeld. Im Niemandsland Australiens am Rande der Kleinen Sandwüste (Little Sandy Desert ) und am Südrand der westaustralischen Region Pilbara schreiben Thüringer Kaliforscher ein neues Kapitel ihrer Firmengeschichte: Entwicklungsingenieure und Verfahrenstechniker der Kutec AG Salt Technologies in Sondershausen sowie Anlagenbauer der Firma Ebner in Eiterfeld . Sie erschließen als Wegbereiter für das börsennotierte Unternehmen Kalium Lakes mit Hauptsitz in Perth ein neues Betätigungs- und Geschäftsfeld der Wirtschaft Australiens. Fernab jeder Zivilisation wird an einer Salzlagerstätte die erste Düngemittelproduktionsanlage Australiens überhaupt entstehen – mit Hilfe aus Nordthüringen und Osthessen. Es geht um die Gewinnung von Kaliumsulfat und dessen Verarbeitung, auch wenn bei der Förderung der Salzverbindungen aus der Lagerstätte noch weitere Produkte anfallen, die verwertet werden können. Das Ziel ist konkret: Die Düngemittelproduktion auf der Basis von Kaliumsulfat soll bereits 2020/ 2021 gestartet werden.

Nach mehr als vierjähriger Vor- und Überzeugungsarbeit, vielen Verhandlungen, Erkundungen und Versuchspräsentationen sind jetzt die Verträge für das Millionenprojekt (mehr als 170 Millionen australische Dollars) mit Finanzierung (KfW) und Absicherung (Euler-Hermes) aus Deutschland unter Dach und Fach. Das Firmenkonsortium Ebtec wird das Projekt komplett in die Tat umsetzen – von der Idee und Prozessentwicklung bis hin zum Bau und zum Betrieb der Anlage sowie zur Schulung des dort einzusetzenden Personals. Ebtec besteht aus der Sondershäuser Kutec AG Salt Technologies und dem Apparate- und Anlagenbauer sowie Verfahrenstechnik-Spezialisten Ebner aus dem osthessischen Eiterfeld an der Grenze zum Wartburgkreis. Das Auftragsvolumen für das Konsortium: 28 Millionen Euro. Die Macher: Heiner Marx (l.), Vorstandsvorsitzender der Kutec AG Salt Technologies, und Markus Pfänder, Vorstand. Foto: Kutec Die Macher: Heiner Marx (l.), Vorstandsvorsitzender der Kutec AG Salt Technologies, und Markus Pfänder, Vorstand. Foto: Kutec

Das ist leicht gesagt, denn das Areal, wo die Anlage gebaut und betrieben werden soll, liegt – derzeit noch ohne Straßenanbindung – 160 Kilometer Luftlinie vom nächsten Ort entfernt: Die kleine Bergbaustadt Newman hat gerade mal 5500 Einwohner. Allerdings gibt es dort einen kleinen Flugplatz, denn in dieser Region sind viele Pendler zwischen Heim und Arbeitsstätte vor allem mit dem Helikopter oder dem Flugzeug unterwegs.

Kutec -Vorstand Markus Pfänder , der über Monate verhandelte und vor Ort viele Details des Vorhabens erkundete und abstimmte, erklärt: „Es geht um eine überwiegend unterirdische Salzlagerstätte. Mit einem Jeep dauert es einen Tag, dorthin zu kommen. Deshalb sind wir in zwei Stunden mit einem Helikopter in unser Zielgebiet geflogen.“ Vor Ort gibt es aktuell weder ordentliche Straßen noch Versorgungsleitungen.

Darum soll sich nun eine weltweit tätige Unternehmensgruppe aus Südafrika mit ihrer Niederlassung im australischen Perth kümmern. Denn DRA Global hat dafür einen Vertrag, kümmert sich um die erweiterte Projektabwicklung, um Hochbau-, Tiefbau- und sonstige Infrastrukturmaßnahmen wie Verkehrsanbindung sowie Versorgungsleitungen für Strom und Wasser, damit das Vorhaben, der Bau der Düngemittelproduktionsanlage, überhaupt verwirklicht werden kann. Für das „Herzstück“ des „Beyondie Sulphate of Potash (SOP) Project“ der Kalium Lakes ist aber das hessisch-thüringische Firmenkonsortium Ebtec (Ebner und Kutec ) zuständig: die Lieferung der Schlüsselkomponenten, die Anlagen für das Eindampfen der Lösungen aus den überirdisch oder untertage gewonnenen Salzlösungen, die Anlagen für die Kühlkristallisation, Zentrifugentechnik, Trocknung, Entstaubung, Flotation und Verpackung.

Was für die australischen Auftraggeber jetzt noch technologisches Neuland und dann „Geburtsort“ einer eigenen Düngemittelproduktion ist, stützt sich für die Wissenschaftler und Ingenieure der Kutec AG Salt Technologies in Sondershausen als ausgegründetes Nachfolgeunternehmen der ehemaligen Kaliforschung der DDR auf langjährige Kaliforschungsvorhaben und -erfolge, wie bei den Salinen Austria und anderen Projekten weltweit.

Trotzdem ist das Beyondie-Projekt für die Kutec viel mehr als „nur“ ein Meilenstein in der Firmengeschichte. Denn bislang sind die Experten aus Nordthüringen mit ihren Projekten weltweit vor allem die Forscher, Ideengeber und Verfahrensentwickler gewesen, die ihren Kunden Lösungsvorschläge für Problemstellungen erarbeiteten und dann anderen halfen, diese als Projekt zu realisieren.

Das war den Auftraggebern vom fünften Kontinent allerdings zu wenig. Die Australier wollen „alles aus einer Hand“ und mit voller Verantwortung und Verfahrensgarantien – von der Idee bis zur komplett fertigen Anlage. Allein personell hätte das die private Aktiengesellschaft in Sondershausen mit seiner 100-köpfigen Belegschaft gar nicht schultern können. Also waren zu den technologischen Kompetenzen der Kutec noch die apparativen Kompetenzen eines erfahrenen Anlagenbauers erforderlich: Ebner in Eiterfeld . Beide Unternehmen kennen sich aus erfolgreicher vertrauensvoller Zusammenarbeit und konnten nun Kalium Lakes und die beteiligten Banken und Fördereinrichtungen überzeugen, dass das für die Aufgabenstellung im australischen „Outback“ gebildete Konsortium das Projekt realisieren kann. Mehrere Jahre intensiver Vorarbeit wurden bei der Kutec AG Salt Technologies in Sondershausen für das Australien-Projekt quer durch alle Abteilungen geleistet: Erkundung und Charakterisierung der Lagerstätte, der Reserven, der Ressourcen; dann folgten eine Machbarkeitsstudie und die Entwurfsplanung.
 
Die Beurteilung des Projektes fiel am Ende sowohl seitens der KfW als auch seitens der australischen Entwicklungsbank NAIF positiv aus. Die KfW ließ sowohl eine Auditierung der Kutec als auch des geplanten Prozesses über die britische SRK Consulting vornehmen. Zusätzlich nahm Kali+Salz (K+S) eine eigene Prozess-Evaluierung mit sehr positivem Resultat für die Kutec vor.

Als Folge daraus hat K+S sich inzwischen mit Kalium Lakes auf ein „Offtake Agreement“ geeinigt und einen Zehn-Jahres-Vertrag zur Abnahme des gesamten zu gewinnenden Kaliumsulfates abgeschlossen.

Für Heiner Marx , den Kutec -Vorstandsvorsitzenden, stellt das Australien-Projekt mit dem Firmenkonsortium Ebtec einen weiteren Evolutionsschritt dar: „Damit haben wir ein neues Kapitel unserer Unternehmensstrategie begonnen. Über die Idee, die Prozessentwicklung, die Verfahrenstechnik hinaus übernehmen wir nun neue Aufgaben und Garantien für die Schlüsselkomponenten der Anlagen und für deren Betrieb. Sportlich ausgedrückt ist dieser Schritt für die Kutec wie ein Aufstieg in die Champions League. Mittelmaß geht in diesem Geschäft nicht. Mittelmaß wäre dort schon Rückschritt.“

Das Projekt im Überblick
Das Beyondie-SOP-Projekt von Kalium Lakes in der „Kleinen Sandwüste“ (Little Sandy Desert ): Dort wird über einer Salzlagerstätte von etwa 2400 Quadratkilometern, erkundet von den Thüringer Kaliforschern der Kutec AG Salt Technologies in Sondershausen , Sole aus Bohrungen und Gräben in eine mehrstufige Evaporations-Anlage zur solaren Eindampfung gepumpt. In den Eindampfungsbecken kristallisieren fraktioniert verschiedene Salze aus. Aus Teilen des gewonnenen Salzgemisches wird über Reinigungs- und Aufbereitungs¬verfahren Premium-Kaliumsulfat-Dünger für den Endverbraucher hergestellt. Das geschätzte Kaliumsulfat-Vorkommen der Lagerstätte soll sich auf mindestens 19,8 Millionen Tonnen belaufen. Das erkundete Vorkommen dürfte damit für eine Produktion von hochwertigem Kaliumsulfat-Dünger für mindestens 30 bis 50 Jahre reichen. Dorthin, wo schon bald in der von dem deutschen Firmenkonsortium Ebtec (Ebner und Kutec ) entwickelten und gebauten Großanlage der Premiumdünger hergestellt wird, müssen zunächst die erforderlichen Verkehrs- und Versorgungsverbindungen (Gas, Strom, Wasser) geschaffen werden. Auf dem Landweg sollen schon in gut zwei Jahren die gewonnenen Produkte mit großen Container-Transport-Trucks zum mehrere hundert Kilometer entfernten Hafen Geraldton transportiert werden. Das Beyondie-SOP-Projekt ist die erste DüngemittelProduktionsanlage auf dem australischen Kontinent überhaupt. Bislang importiert Australien Düngemittel. Der Kali+Salz-Konzern K+S in Kassel hat mit Kalium Lakes bereits ein „Offtake Agreement“ abgeschlossen, das eine Abnahme der Düngemittelproduktion für mindestens 10 Jahre garantiert.

Quelle: Thüringer Allgemeine v. 04.06.2019

Zum Leitartikel: Dünger aus der Wüste

Dieter Lücke / 04.06.19

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